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Um sich eine Vorstellung des Betriebsablaufs auf der Bockerlbahn
zu machen, begleiten wir nun einen Stamm von der Waitzingeralm bis
zum Bahnhof Neuhaus. Unser Stamm wurde über den Pfanngraben von
den südlichen Hängen der Rotwand ins Tal gebracht. Mit dem Sapie,
der Allzweckwaffe der Holzknechte im Gebirge wird er nun von einer
der Rampen beim Bahnhof Waitzingeralm auf einen der Doppeltrucks
verladen.
Nachdem 6 Doppeltrucks beladen sind setzt sich unser
Zug, geschoben von der Hanomag Lokomotive, auf der leicht ansteigenden
Strecke in Bewegung. Nach einer Fahrt von 1,1 Kilometern entlang
der Roten Vallep wird die Talstation des Bleckstein Aufzuges erreicht. Am
Aufzug wird nun Wagen für Wagen an das Zugseil der Lokomobile gehängt
und nach oben gezogen. Die Hanomag macht sich derweil mit leeren
Trucks zurück auf den Weg zur Waitzinger Alm.
Oben angekommen
werden die Trucks von einer wartenden 60 PS starken Lokomotive an
den Haken genommen. Nachdem 12 Trucks den Blecksteinaufzug überwunden
haben, dampft der gebildete Zug in Richtung Abzweigung ab. Einige
Züge fuhren hier gleich weiter zum Grünanger um das Holz nochmals
zwischen zu lagern. Von der Waitzingeralm kam wesentlich mehr Holz
nach oben als über die Bremsberge abgelassen werden konnte. Daher
die nochmalige Zwischenlagerung hier oder am Spitzingsattel. Unser
Stamm nimmt aber den direkten Weg ins Tal. Nach Umstellung der
Weiche an der Abzweigung wird der Zug nun zum Auszugsgleis am Bahnhof
Blecksteinhaus geschoben. Im Sackbahnhof Blecksteinhaus wendet
unser Zug erneut. Stetig ansteigend geht es nun nach Durchfahrt
des Bleckstein Durchbruchs hoch an den Valepper Almen vorbei zum
Spitzingsee. Entlang des westlichen Seeufers dampft unser Zug weiter
zu seinem Ziel am Spitzingsattel (1126 Meter über NN.). Zur weiteren
Beförderung sind hier einige Rangierbewegungen nötig.
Der Truck
auf dem unser Stamm liegt wird jetzt am oberen Beginn des Bremsberg
I an ein Seil gehängt, das über die Bremstrommel mit einem leeren
Truck am unteren Ende des Bremsberges verbunden ist. Nach dem Lösen
der Bremse am Truck und dem Bedienen der Bremstrommel in der Windenstation
setzt sich der Wagen langsam in Richtung Tal in Bewegung. Unter
ständiger Beobachtung durch den Windenwärter begegnet der Truck
auf halber Strecke auf dem jetzt zweigleisig ausgebauten Bremsberg
den nach oben fahrenden leeren Truck und gelangt schließlich gemächlich
zum Ende des Bremsberges. Hier wird der Truck vom Seil genommen
und von der auf der Verschiebestrecke verkehrenden Benzollokomotive
übernommen. Die Aufgaben des Windenwärters bestanden vor allem
in der Beobachtung des Umlaufseils. Des weiteren hatte er darauf
zu achten, dass eine möglichst gleichmäßige, langsame Geschwindigkeit
beibehalten wurde und die Bremstrommel nicht zu heiß wurde um einen
„Fading Effekt“ zu vermeiden. Die Benzollok transportiert nun
insgesamt 5 Doppeltrucks zum Bremsberg II. Hier und am Bremsberg
III wiederholen sich die oben beschriebene Abläufe. Die Zuführung
vom Bremsberg II zum Bremsberg III erfolgte ebenfalls mit einer
Benzollokomotive.
Der Truck mit unserem Stamm befindet sich nun
am unteren Ende des Bremsberges III und hat nach etlichen
Stunden die größten Hindernisse auf seinem Weg ins Tal überwunden.
Zusammen mit bis zu 18 Wagen wird am Bahnhof Stockeralm nun
ein neuer Zug gebildet und für den letzten Streckenabschnitt fertiggemacht.
Eine der auf diesem Streckenabschnitt fahrenden Lokomotiven macht
sich schnaubend auf um über die drei großen Brücken der Strecke
dem Bahnhof Neuhaus, stetig abwärts, entgegen zu streben.
Bei
der Überquerung der Brücken durften die Züge mit einer Höchstgeschwindigkeit
von 8 km/h fahren. Auf der freien Strecke war eine Geschwindigkeit
von 12 km/h zugelassen. Leerzüge durften wegen geringer Achslast
und der damit verbundenen Entgleisungsgefahr auf der etwas unebenen
Waldbahn nur mit 6 km/h verkehren. Der Streckenabschnitt Bahnhof
Stockeralm – Bahnhof Neuhaus wurde täglich je Richtung nur zweimal
befahren. Dies lag an der langsamen Abfuhr der Trucks über die Bremsberge.
Dennoch kamen pro Woche ca. 2000 Festmeter Holz zu Tale.
Unser
Stamm wird nun am Bahnhof Neuhaus aus dem Truck entladen und wartet
wie viele andere auf die Verladung auf einen Wagen der Reichsbahn.
Seine weitere Reise führt ihn nach Belgien oder Frankreich. Das
gesamte Holz aus dem Spitzinggebiet wurde als Reparationsleistung
nach dem Versailler Vertrag an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges
übergeben.
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